Jan Mueller-Wiefel Artdirektor, Verleger, Fotograf

Jan Mueller-Wiefel
[...] Online-Medien, eine verstärkte Produktivität von Bloggern und Usern, sich verändernde Nutzergewohnheiten und -bedürfnisse und nicht zuletzt neue Hardware wie die Tablets stellen immer wieder neue Herausforderungen an aktuelles und künftiges Editorial Design. hamburgunddesign° fragte deshalb Jan Mueller-Wiefel, Mitbegründer und Geschäftsführer von GUDBERG, Hamburger Designbüro, Verlag, Galerie und Shop in Einem (gudberg.de), nach Karriere, neuen Aussichten, Eigeninitiativen und der Lust auf Kunst.

hamburgunddesign°: Seit 2000 existiert GUDBERG, im Rückblick gesehen ein überaus erfolgreiches Unternehmen. Was war der Anlass zu seiner Gründung?

Jan Mueller-Wiefel: Bereits als 12jähriger Schüler hatte ich mein erstes Magazin produziert, die "PiPa Millerntor", eine Postille für Fans des FC St. Pauli. Bis zum Abitur, sechs Jahre lang, entstanden 40 Ausgaben. Das weckte in mir die Lust am Gestalten, Drucken, allgemein an der Produktion von Magazinen. Bevor Gudberg dann im März 2000 startete, gab es erste gemeinsame Projekte zusammen mit Mitbegründer Henning Thieß, der ihre technischen Umsetzung betreute. Wir übernahmen kleine Jobs für Gestaltung und Websites. Mit Gudberg erweiterte und verfestigte sich unser Angebot mit Plakaten, Flyern und Logos. Wir avancierten schnell zur Full-Service-Agentur.

hamburgunddesign°: Das hört sich ganz nach Autodidaktentum an.

Jan Mueller-Wiefel: Handwerklich gesehen stimmt das. Für Henning Thieß wie für mich war die Praxis die einzige Schule zum Erlernen von Fähigkeiten. Wir beide haben aber auch nebenbei studiert. Bis 2007 studierte ich Visuelle Kommunikation an der HFBK Hochschule für Bildende Künste Hamburg. Ich schätzte die Freiheit an der Schule sehr. Der Abschluss dort ermöglicht mir außerdem jetzt die Lehre, eine wichtige Erweiterung meiner Berufskarriere - zur Zeit bin ich Gastdozent an der FSG, der Freien Schule für Gestaltung in Hamburg.

hamburgunddesign°: Gab es bei der Gudberg-Gründung ein Konzept, eine grobe Skizze dessen, wohin man sich entwickeln wollte?

Jan Mueller-Wiefel: Außer meiner generellen Vorliebe für das Gestalten von Magazinen überhaupt nicht. Die PiPa legte zwar den Grundstein für alles, aber die Entwicklungen waren sehr offen. Wichtige Weichenstellungen für unser Büro gab es dann in 2004.

hamburgunddesign°: Das Jahr, in dem sich das Büro erweiterte.

Jan Mueller-Wiefel: Inhaltlich und strukturell passierte in diesem Jahr Wegweisendes. Als Folge eines Projektes ergab sich mit finetunes.net die Möglichkeit zur Gründung einer weiteren Firma in den Bereichen "Digital Media Services" und "Musik-Download", die mein Partner Henning Thieß heute zusammen mit Oke Göttlich als Geschäftsführer leitet. Wir kooperieren zwar noch viel, inhaltlich nahm Gudberg ab dann aber verstärkt Kurs in Richtung Kunst auf, was auf meinem persönlichen Interesse basierte. So kamen neben der Dienstleistung weitere Schwerpunkte hinzu.

hamburgunddesign°: Das heißt...?

Jan Mueller-Wiefel: Wir erweiterten uns um einen Verlag und Galerieräume. 2006 wurden temporär Räume für Kunst in den Bereichen Graffiti und Urban Art angemietet. Aktuelle Kunst hat sich seither zu einem wichtigen Standbein neben unserem klassischen Geschäft als Dienstleister für Logos und Editorial Design entwickelt. Wir produzieren Kunstbücher in Klein-Auflagen, das Magazin Gudberg, geben Bücher heraus und einen Galerienführer. Außerdem verkaufen wir in unseren Räumen Poster, Fanzines und Artzines, Fotoprints und Editionen. So gibt es neben der Agentur auch den Verlag und die Galeria Gudberg. Alle drei zusammen profitieren in erheblichem Maß voneinander.

hamburgunddesign°: Das klingt nach der bekannten Aufteilung zwischen Auftrags- und freier Arbeit. Wie finanziert sich so etwas?

Jan Mueller-Wiefel: Das Arbeits-Splitting zwischen Auftrags- und freier Arbeit ist eine echte, zugleich befriedigende und von Leidenschaft getragene Herausforderung. Wichtig war für uns das Magazin Gudberg, mit dem wir uns einen Namen machten. Hier mussten wir investieren, konnten aber Teile der Gelder durch Sponsoren-Nennung, Release-Partys bis hin zum Editionenverkauf wieder einfahren. Dadurch haben wir nicht nur Profil sondern auch Kunden gewonnen. Verlag und Galeria sind gerade dabei, sich zu selbsttragenden Geschäftsbereichen zu entwickeln. Für Buchprojekte beispielsweise sind aber Finanzierungskonzepte mit dem Kunden Voraussetzung.

hamburgunddesign°: Selbstbestimmter Designer zu sein ist verlockend. Ist das gängige Praxis?

Jan Mueller-Wiefel: Sicherlich schlummert in vielen Designern und Agenturen der Wunsch nach selbst bestimmten Aufträgen und Projekten. Durchgehende Wirklichkeit ist es aber nicht. Doch es gibt Ansätze dazu sowie Mischformen. Die auf Medien- und Urheberrecht spezialisierte Hamburger Anwaltkanzlei von Jens O. Brelle (art-lawyer.de), mit der Gudberg bei Magazin- und Kunstprojekten kooperiert, investiert in solch freie Projekte, u.a. mit BLATT dem ersten Showroom in Hamburg für Magazinkultur. Auch Karl Anders (karlanders.de) von u.a. Claudia Fischer-Appelt, die eine eigene Zeitung zur Agentur-Gründung machten, ist auf diesem Feld, allerdings mit freien Aktionen aktiv.

hamburgunddesign°: Auffallend ist eine verstärkte Hinwendung wieder zum Printmedium. Bei den LeadAwards 2011 gewannen die beiden Modeblogs und Newcomer "Ilikemystyle" (ilikemystyle.net), initiiert vom ehemaligen Hamburger "Die Woche"-Redakteur Adriano Sack und "Circus" (circus-bookazine.com) mit ihren geprinteten Blog-Ausgaben. Gibt es ein Zurück zum Druck?

Jan Mueller-Wiefel: Auf jeden Fall, der Wunsch wieder "Drucksachen" in der Hand zu haben ist groß. Und das Zusammenspiel zwischen Netz und Print befindet sich in ständiger Bewegung. Es gibt Einzelprojekte wie das "Temp Magazin" mit vielen Design-Beiträgen, dessen 2. Ausgabe Gudberg im Herbst verlegt. Das Magazin basiert auf einer Internetseite und den Zusendungen seiner Besucher, die anschließend redaktionell bearbeitet und zur aufwendigen Publikation zusammengefasst werden. Nicht zu unterschätzen ist die ebenso schnell anwachsende Fanzine-Szene und ihr Bedarf nach Kleinstauflagen, jede für sich fast schon ein Kunstwerk. Dem spielt noch die Tatsache in die Hände, dass die Druckkosten in den vergangenen vier Jahren erheblich gesunken sind.

hamburgunddesign°: Und wie läuft der Vertrieb?

Jan Mueller-Wiefel: Der läuft über verschiedene Kanäle, in ausgesuchten Läden wie Kunstbuchhandlungen, auch in Concept Stores und natürlich über entsprechende Internet-Seiten.

hamburgunddesign°: Mit e-books und Tablet-Computern ist auch das Editorial Design vor neue Herausforderungen gestellt, oder?

Jan Mueller-Wiefel: Das ist ein komplett neues Feld, dem sich Gudberg zur Zeit mit mehreren Projekten widmet. Es erfordert neues Denken, eine neue Herangehensweise, eine kreative Umsetzung der Inhalte, um sie auf den entsprechenden Geräten erlebbar zu machen. Zugute kommt uns dabei, dass wir aufgrund unserer Erfahrungen und Praxis auch die technische Realisierung in die eigenen Hände nehmen können.

hamburgunddesign°: Wo steht Hamburg beim Editorial Design?

Jan Mueller-Wiefel: Der output hier ist enorm. Hamburg verfügt über junge wie auch hochrangige und international operierende Agenturen mit namhaften Kunden. Es gibt beeindruckende Referenzlisten. Neue Formate wie geprintete Blogs oder Print-Initiativen Einzelner liefern zudem Inhalte, die aus aller Welt kommen, nicht selten übrigens aus Orten abseits der Metropolen. Da zeichnet sich eine spannende Zusammenarbeit zwischen Metropole und Provinz ab. Einen guten Eindruck erhält man sicherlich bei "Photo+Art Book Hamburg" (artbookhamburg.de) vom 2. bis 4. September in den Hamburger Deichtorhallen - ein wachsender Marktplatz mit gut gestalteten Büchern, Zines und Design-Publikationen.

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